Beobachtungsbericht vom 28.-31.3.2001, Teneriffa, Teide Observatorium

Hinweis: Die Fotos, die ich während meiner Aufenthalte am Teide Observatorium aufgenommen habe, finden sich in der Gallerie Photos of Tenerife's Teide Observatory.

Die spanische Insel Teneriffa, Hauptinsel der Kanarischen Inseln, gelegen im Atlantik vor Westafrika und gute 5 Flugstunden von Mitteleuropa entfernt, wird wohl so manchem ein Begriff als Urlaubsziel sein. Schon weniger bekannt ist, daß es auf Teneriffa ein astronomische Großobservatorium gibt, das vom Institut für Astrophysik der Kanarischen Inseln (Insituto de Astrofísica de Canarias, IAC) unterhalten wird. Die Mehrzahl der Teleskope am Observatorio del Teide (OT) dient der Untersuchung der Sonne, aber es gibt auch Experimente zur Untersuchung des kosmischen Mikrowellen-Hintergrundes und nicht zuletzt 4 Nachtteleskope der kleineren Klasse. Am größten dieser Teleskope, dem 1.5m Telescopio Carlos Sánchez (TCS), verbrachte ich Ende März 2001 bereits zum zweiten Mal drei Nächte mit Aufnahmen von Zwerggalaxien im Infrarot.

Das Observatorium steht in 2400m Höhe über dem Meer auf dem großen Bergrücken der Insel, dem Cumbre Dorsal. Etwa 15km westlich des Observatoriums erhebt sich der mächtige Vulkan Pico de Teide, mit 3718 m Höhe der höchste Berg Spaniens und nur wenig kleiner als der Großglockner. Die Landschaft dort oben ist karg, aber dennoch von einzigartiger Schönheit. Der Horizont ist vom Observatorium aus gesehen von Südwest bis Ost und im Nordwesten extrem tief, unter dem mathematischen Horizont, weil man von großer Höhe auf das Meer hinunterschaut. Bei guter Fernsicht (die meist gegeben ist) erkennt man im Südosten die 100 km entfernte Nachbarinsel Gran Canaria und im Nordwesten die noch weiter entfernte Insel La Palma, wo ebenfalls ein internationales Großobservatorium steht.

Die Kanarischen Inseln liegen knapp nördlich des Wendekreises in der Passatwindzone, in der ein stetiger Wind von Nordwest die meiste Zeit des Jahres mitunter recht heftig weht, die Umgebung des Observatoriums ist jedoch so beschaffen, daß die Strömung meist laminar über den sanft gerundeten Bergrücken streicht und das Seeing am Observatorium nicht wesentlich beeinträchtigt. Der Passat bringt auch Wolken, deren Obergrenze jedoch meist tiefer liegt als das Observatorium, sie bleiben unten am Meer und an der Küste liegen. Die Mehrzahl der Nächte am Observatorium sind wolkenfrei. Leider ist auch Teneriffa nicht von Lichtverschmutzung verschont geblieben, die Touristenorte an den Stränden und die Städte verursachen doch einiges Streulicht, sofern sie nicht von den Wolken abgedeckt werden.

Die drei Nächte am März 2001 waren klar, aber - abgesehen von der letzten Nacht - sehr windig, mit Windspitzen bis zu 48 km/h. Die visuelle Grenzgröße betrug um die 6.2 Magnituden nach Monduntergang. Der Mond ging etwa um Mitternacht unter. Die Nachttemperaturen schwankten zwischen +6 und +10 Grad C, das Seeing zwischen 1-3 Bogensekunden. Diesmal hatte ich neben dem Fotoapparat auch mein Steiner 15x80 Fernglas mit dabei, um damit ein wenig Deep-Sky Objekte am Südhimmel zu beobachten, wann immer die halbautomatisch ablaufenden Infrarotaufnahmeserien gerade meine Anwesenheit nicht unbedingt erforderten.

In meiner letzen Nacht am Observatorium (Freitag auf Samstag) war es windstill, und eine Gruppe von spanischen Studenten war zugegen, um mit einem 8" f/10 Schmidt-Cassegrain Teleskop zunächst den Mond und später nach dessen Untergang Deep-Sky Objekte zu beobachten. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Da man sich unter Studenten versteht, habe ich zunächst des öfteren bei ihnen durchgeschaut, später dann auch selbst Objekte eingestellt, was mit dem kleinen 6x30 Sucher, der sich nicht fokussieren ließ, nicht gerade einfach war. Jedoch kannte ich inzwischen den Südhimmel schon gut von den Feldstecherbeobachtungen und konnte mich zurechtfinden.

Prominente Sternbilder am Südhimmel waren um Mitternacht Hydra, Vela und Centaurus. Sogar der Nordteil des Kreuz des Südens kommt in Teneriffa über den Horizont! Später, gegen Morgen, waren die südliche Sommermilchstraße mit den Sternbildern Lupus, Ara und natürlich dem Skorpion und Schützen dominierend.


Nun aber zu den Beobachtungen im Einzelnen:

Omega Centauri, NGC 5139 ist der scheinbar größte Kugelsternhaufen am Himmel, und war das erste Objekt, das ich aufgesucht habe, er ist leicht mit freiem Auge zu sehen. Im Fernglas schaut es so aus, als wäre an der Stelle "ein Stück Himmel wegradiert", kein Wunder, der Haufen ist 4 mag hell und hat Vollmonddurchmesser. Seine wahre Pracht entfaltet er aber erst im Teleskop: Bei 77x ist das ganz Bildfeld mit hunderten hellen direkt sichtbaren Sternen übersät, ein Eindruck, den ich sonst nur von den besseren Kugelsternhaufen des Nordhimmels nur kenne, wenn ich sie in Howdiis 18" Dob bei höherer Vergrößerung anschaue. Die deutlich elliptische Form des Haufens fällt auf. Fast genau im Zentrum zeigt Omega Centauri ein dunkels Loch, da scheinen einige Sterne zu fehlen. Ein Bild des Kugelsternhaufens von David Malin findet sich am Anglo-Australian Observatory.

Centaurus A, NGC 5128 ist die nächstgelegenste und scheinbar größte elliptische Galaxie, nur ein paar Grad fast genau nördlich von Omega Centauri gelegen und somit leicht zu finden. Es handelt sich um das bekannteste Beispiel einer aktiven Galaxie mit starker Radioemission. Schon im Fernglas fiel mir eine leichte "Einschnürung" auf, deren wahre Natur sich erst im Teleskop enthüllt: Es ist ein breites Staubband, das quer über die Galaxie verläuft und vermutlich von einer kleineren staubreichen Galaxie stammt, die von Cen A "verschluckt" wurde. Im 8" SCT war deutlich eine Zweiteilung des Bandes sowie ein leichter "worp" (das Staubband bildet eine Schlangenlinie) und einiges an detaillierterer Struktur zu sehen, Knoten von Nebeln und massiven Ansammlungen extrem heller Sterne. Ein großartiges Bild der Galaxie von David Malin gibt es am Anglo-Australian Observatory zu sehen.

NGC 5460 im Centaurus entpuppte sich als hübsche Gruppe aus hellen Sternen im Fernglas, im Teleskop waren die Sterne stark verstreut und weniger eindrucksvoll.

M83 ist eine bekannte große face-on Balkenspirale, die man auch von Mitteleuropa aus tief unten nahe dem Südhorizont sehen kann. In Teneriffa steht sie hoch am Himmel und ist bereits im Fernglas ein grosser deutlicher Fleck. Im 8" SCT waren der Balken und die zwei Hauptarme gut zu erkennen. Dazu wieder ein bekanntes Bild der Galaxie von David Malin. Leider hatte ich gerade bei diesem Objekt wenig Zeit für detailliertere Beobachtungen!

NGC 5986, ein 7.1 mag heller Kugelsternhaufen im Lupus, mußte ich im Teleskop längere Zeit suchen. Er verblaßt im Vergleich zu Omega Centauri, jedoch sind die Randbereiche auflösbar.

Das Skorpion ist ein eindrucksvolles Sternbild, wenn man es in voller Größe sieht! Der Planet Mars, im Teleskop derzeit noch eine kleine rötliche Scheibe, sorgte für "einen Stern zuviel". Das Skorpion ist eines der wenigen Sternbilder, das wirklich wie die Figur ausseht, die es darstellen soll. Von Mitteleuropa aus kennt man ja nur den Nordteil des Sternbildes. Dabei hat es gerade der Südteil in sich! Da gibt es zum Beispiel den offenen Sternhaufen M7, das südlichste aller Messier-Objekte, mit freiem Auge als 3.5mag heller Fleck auffällig, im Fernglas dann gut aufgelöst in etwa 20 helle Sterne. Im Teleskop schaut es nicht besser aus, der Haufeneindruck geht etwas verloren, obwohl auch schwächere Sterne zum Vorschein kommen.

Ein ebenso gutes Feldstecherobjekt ist der "Schmetterlingshaufen" M6, der aus ca. 50 Sternen besteht und tatsächlich eine charakteristische Schmetterlingsform hat, mit Körper und zwei Flügeln, die von vier Sternketten gebildet werden. Auch im 8" SCT bei 77x ist die Form gut erkennbar, wegen seiner stärkeren Konzentration ist M6 auch hübsch im Teleskop. Auch hier kommen noch einige schwächere Sterne zum Vorschein.

Etwas weiter südwestlich, in der "Rundung" des Skorpionschwanzes, findet man einige bemerkenswerte Deep-Sky Objekte. So z.B. den hellen Sternhaufen NGC 6231 mit ca. 15 Sternen gleich nördlich vom Doppelstern Zeta Scorpii. Unmittelbar nördlich gibt es einige verstreute Sterne, die zum losen Haufen H12 gehören, am ehesten noch im Feldstecher als Gruppe zu erkennen. Der wesentlich besser definierte offene Sternhaufen NGC 6124 liegt einige Grad westlich von H12 und zeigt im 15x80 zahlreiche Sterne.

Der Kugelsternhaufen NGC 6388 liegt zwei Grad südlich von Theta Scorpii und ist im Fernglas leicht als diffuser Fleck erkennbar. M4, den Kugelsternhaufen nahe Antares, den ich schon von daheim gut kenne, ließ ich mir auch nicht entgehen: Der Balken aus Sternen im Zentrum des Haufens ist leicht im 15x80 zu erkennen.

Die Grosse Sagittarius-Sternwolke ist die dichteste Sternwolke der Milchstraße, die uns den Blick weiter in Richtung Zentrum unserer Galaxis verwehrt. Mit freiem Auge erscheint sie als auffällige große Wolke in der Milchstraße, im Fernglas kann man Struktur in der Wolke erkennen, Dunkelnebel wie etwa B86 verdecken an manchen Stellen dahinterliegende Sterne. Im 8" Meade konnte ich richtiggehend "spazierengehen" in der Sagittarius-Wolke, recht eindrucksvoll. Einen Eindruck davon vermittelt wieder eine Aufnahme von David Malin.

Einmal im Schützen angekommen, konnte ich natürlich nicht jene weiter nördlich liegenden Milchstrassenobjekte auslassen, die ich Österreich aus schon oft beobachtet habe und daher gut kenne. M22, M54, M8, M20, M21, M24, M17 und M16 sah ich im Fernglas, nur ein Objekt davon, nämlich M20, auch im 8" SCT, und der Anblick war erstaunlich: Der Trifidnebel war so hell, daß ich im ersten Moment glaubte, versehentlich den Lagunennebel eingestellt zu haben! Sowohl der Emissions- als auch der Reflexionsteil waren direkt gut zu sehen, ebenso wie die Trifidlinien im Emissionsteil. Es zahlt sich also durchaus aus, auch von daheim her bekannte Südhimmel-Objekte anzuschauen, wenn man weiter im Süden steht: Die bessere Transparenz und der dünklere Hintergrund lassen die Objekte ungewohnt hell und kontrastreich erscheinen. Ein Foto von M8 und M20 gibt es in meiner Astrofoto-Gallerie.


Der Planet Venus hatte im März seinen Abschied vom Abendhimmel genommen und stand just am 30. März in unterer Konjunktion, also am bahnnächsten Punkt zur Erde. Dabei erschien Venus als ziemlich schmale, aber sehr große Sichel mit knapp 60" scheinbaren Durchmesser, ein Ereignis, das ich mir nicht entgehen lassen wollte. Da sich der Planet 8 Grad nördlich der Sonne befand, ging er am Morgenhimmel knapp vor der Sonne auf. Eine solche Beobachtung am hellen Osthorizont ist eine schwierige Sache, die nur bei ausgezeichneter Horizontsicht erfolgreich sein kann. Berichten, nach denen der Planet in der kurzen Zeit zwischen seinem Aufgang und Sonnenaufgang sogar freiem Auge zu sehen sein sollte, schenkte ich zunächst wenig Glauben.

Bereits am Morgen des 29.3. (nach meiner ersten Beobachtungsnacht) machte ich mich auf die Suche mit dem Feldstecher, konnte den Planeten jedoch nicht finden, wohl auch weil der Horizont nicht ganz dunstfrei war. Die Stelle, an der die Sonne aufging, merkte ich mir allerdings ziemlich genau. Am 30.3. um 7:30 Ortszeit (=UT+1 Stunde) machte ich mich dann wieder auf die Suche. 5 Minuten später sah ich mit freiem Auge genau an der erwarteten Stelle einen hellen Fleck. Schnell das Fernglas darauf gerichtet: Tatsächlich, eine schmale Sichel, nahezu liegend, genau nach Norden hin offen! Und tatsächlich: Mit freiem Auge zu sehen! Mit dem Teleobjektiv habe ich noch schnell ein paar "Beweisfotos" geknipst, leider ist 135 mm zu wenig Brennweite, um die Venus als Sichel aufzulösen. Danach war es Zeit für die allmorgendlichen Flatfields im 1.5m Teleskop. 20 Minuten nach meiner Venus-Sichtung ging die Sonne auf, und ich beendete zufrieden meine Beobachtungen für diese Nacht. Schade nur, daß mir der Meade 8" am nächsten Morgen nicht für Venusbeobachtungen zur Verfügung stand, die Studenten hatten schon lange vorher Schluß gemacht und das Teleskop zusammengepackt.

Am Morgen des 31. März, nach einer weiteren Feldstecher-Venusbeobachtung, ging mein Beobachtungsaufenthalt am Observatorium zu Ende, ich habe ihn in jeder Hinsicht genossen. Ich hoffe, bald wieder Beobachtungszeit dort zu bekommen, für weitere astronomische Beobachtungen zu Füßen des Teide!

Walter Koprolin


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