Spechtln hart am Anschlag - 17. 9. 2004, Altenmarkt i. T.

Nach einem Tag mit tiefblauem Himmel war eine weitere feine Nacht in Sicht. Ursprünglich plante ich eine Beobachtung bei Schrick, disponierte aber doch noch kurzfristig um, und beschloss nach Altenmarkt i. T. zu fahren. Je nachdem, "wo" am Himmel man etwas zu erledigen hat, sucht man halt die Plätze aus. Es geht hier im Weinviertel schlicht darum, wo man die markantesten Lichtglocken - zumindest die von Wien - "positioniert". Und da ich noch etwas im Adler zu spechteln gedachte, war es günstiger, Wien mehr im Südosten zu haben. Vor meiner Abfahrt hatte ich noch Walter informiert, falls er zu mir stoßen wollte, wo er mich finden würde.

Ich brach noch in der Dämmerung auf, um bei Beginn der Dunkelheit schon mit der Beobachtung starten zu können. Bei der Fahrt sah ich noch die schmale Mondsichel tief am Horizont. Als ich auf die Felder oberhalb von Altenmarkt i. T. einbog, leuchteten mir vom Berg her etliche Lichter entgegen. Oje, dachte ich, da sind noch Bauern unterwegs, hoffentlich gibt es da nicht eine enge Begegnung auf dem Weg. Ich kam aber "unbehelligt" bis zu meinem Beobachtungsplatz, und schaute mich im letzten Dämmerungslicht einmal um: Da fuhren noch zwei Traktoren, mit "Festbeleuchtung" vorn und hinten, herum, um zu pflügen. Einer der Traktoren bog binnen der nächsten Minuten auf den Feldweg heraus und fuhr hinunter. Der andere Traktor war etwas weiter weg, und leuchtete nur fallweise, bei Wendemanövern, her. Ich baute mittlerweile meinen 5.7" f/6 Maksutov-Newton auf und begann, mein Himmelsfeld für das erste Objekt zu suchen. Derweilen verschwand auch der zweite Traktor. Jetzt waren die ganzen Lichter wenigstens einmal weg. Da tuckerte es noch hinter dem Hügel. Etwas beunruhigt war ich schon, ob nicht gar noch ein Traktor des Weges kommen würde, wo ich gerade stand. Doch auch dieses Tuckern verlor sich schließlich. Dafür bimmelte mein Mobiltelefon - Walter war dran und sagte, er würde kommen.

Die Nacht war schon reichlich kühl, die Temperatur fiel bis auf 5 Grad. Fallweise gab es leichten bis etwas lästigen Nordwind, dafür blieb es trocken, keine Probleme mit Tau und beschlagenden Optiken. Der Himmel bot sich in ähnlicher Güte wie in der Nacht des 10. September. Die Milchstraße war bis hinein in den Schützen zu sehen, das ist für's Weinviertel sehr respektabel. Im Zenitraum gab es gut und gern 6 mag. M13 war freisichtig auszunehmen, auch M33 schwach. Etwas irritierend wirken an diesem Beobachtungsplatz aber ein paar direkte Lichter, und ab und zu blendet auch ein Autoscheinwerfer her. Aber nun zu meinen Beobachtungen...

Zu aller erst "vergriff" ich mich an einem wohl nicht zu knackenden Objekt: Pe 1-21 (PK28-3.1). Das ist in der Gegend bei M11, so quasi einmal um's Eck. Die Helligkeit dieses Dings ist mit rund 16 mag angegeben, die Dimension mit 8", angeblich handelt es sich um einen ringförmigen Nebel. Stutzig wurde ich über die Angabe der Flächenhelligkeit von 11.6 mag im Programm "Cartes du Ciel". Na was denn, wird da vielleicht doch was zu sehen sein? Ich musste aber bald einsehen, dass hier die Karte der Uranometria wieder einmal nicht ausreichen würde, die Position eindeutig festzumachen. Ich versuchte zwar, die nähere in Frage kommende Umgebung abzuspechteln, aber gab letztlich auf. Jedenfalls zeigt das Programm "Guide" mit dem entsprechenden RealSky Bild hinterlegt nur ein stellares Objekt, Cartes du Ciel zeigt vom SAC (Saguaro Astronomy Club Database 7.2)  und PNG (Strasbourg-ESO Catalogue of Galactic Planetary Nebulae)  zwei andere Positionen, wobei die PNG Angabe zu treffen scheint, die SAC Angabe um etliches daneben liegt. Nun, eventuell komme ich auf dieses Objekt noch mit anderem Geschütz zurück, 18" Dob oder besser noch CCD, aber heuer wird sich das kaum mehr ausgehen.

Hier das RealSky Bild in Cartes du Ciel mit den zwei Positionen: Die "PK" Angabe ist aus dem SAC Katalog, die "PNG" Angabe aus dem Strasbourg-ESO Cataloge of Galactic Planetary Nebulae.

Mein erstes Objekt, auf das ich mir doch reale Chancen ausgerechnet hatte, war Abell 55 (PK33-5.1). Die Daten lesen sich recht unfreundlich: Helligkeit 15.4 mag (fotografisch), 41" Durchmesser. Die Angabe der Flächenhelligkeit in Cartes du Ciel wäre mit 14.19 mag jedoch im Bereich des Möglichen. Mal sehen, ob was "geht". Die betreffende Stelle war recht rasch lokalisiert. Ich sah mir die Umgebung kurz ohne Filter an, dann versuchte ich, mit diversen Vergrößerungen und Filterkombinationen zum Erfolg zu kommen. Mit OIII Filter war es jedoch bei 87x schon so finster, dass ich mich gleich einmal an der falschen Stelle zum indirekten Abtasten anstellte, weil ich die schwächeren Sternchen nicht mehr sah. Diesen Irrtum bemerkte ich erst, als ich wieder auf den UHC Filter wechselte. Ich steigerte dann die Vergrößerung nochmals, auf 116x. Nun war der Himmelshintergrund auch mit UHC Filter schon reichlich dunkel, die zur Orientierung notwendigen zwei Sterne konnte ich aber gerade noch indirekt ausnehmen. Jetzt ging die "Augengymnastik" erst so richtig los. Irgendwie eine blöde Himmelsgegend, weil das Auge so gar nichts hat zum "Anhalten", da ist es außerordentlich schwer, den Blick indirekt auf die entsprechende Stelle zu "dirigieren". Zum Glück blieb das Okular beschlagfrei, weil ich immer minutenlang dranhing, und Licht von allen Seiten abschirmte - also fast beim Okular in's Teleskop "hineinkroch"...
Nun - was war los mit Abell 55? Vage, sehr vage. Aber doch, ich schaffte es zweimal, an der entsprechenden Stelle kurz etwas "Nebeliges" aufblitzen zu sehen. Es gibt dort auch keine schwächeren Sterne, zumindest in Helligkeitsbereichen die meinem Teleskop zugänglich wären, die durch den Filter einen "Nebel" vortäuschen würden. Daher werte ich diese Beobachtung doch als positiv. Insgesamt verbrachte ich mehr als eine halbe Stunde mit diesem Objekt. Bei der Recherche legte ich ein RealSky Bild über die Karte von Cartes du Ciel - und Überraschung: meine beobachtete Position stimmt, und die in den Nebelkatalogen (SAC und PGN liegen fast konzentrisch übereinander) verzeichnete Position liegt um mehr als einen Scheibchendurchmesser des Nebels daneben. No do, sagt man bei uns im Weinviertel. Auf die ganzen Kataloge ist Verlass, na seawas... 

Cartes du Ciel mit dem RealSky Bild von Abell 55 - hier ist der Einfachheit halber nur die SAC Position gezeigt. Knapp daneben ist auch daneben...

Mittlerweile war auch Walter eingetroffen, und baute seinen APO zum Fotografieren auf. Bevor ich mich wieder an eine "Photonenzählerei" machte, schob ich ein etwas einfacheres Objekt ein: NGC6852. Auch das ist ein Planetarischer Nebel, mit einer Helligkeit von 12.6 mag und einem Durchmesser von 28". Prinzipiell entdeckte ich schon bei 44x ohne Filter etwas "Nebeliges" an der betreffenden Stelle. Ich steigerte letztlich die Vergrößerung bis 116x, probierte mit und ohne Nebelfilter. Ohne Filter ergab sich ein "Blinkeffekt": beim direkten Hingucken sah ich ein Sterndl, indirekt ein Nebelchen. Der Zentralstern sollte es nicht sein, der ist im Hynes mit 17.9 mag angegeben. Die Aufsuchkarte im "Hynes" gibt keinen Hinweis auf das Sterndl, das ich gesehen habe, hier ist nur der schwache Tupf von Zentralstern eingezeichnet. Der GSC verzeichnet aber an der betreffenden Stelle - nicht genau zentrisch zum Nebel - einen "Nicht Stern" von 9.7 mag, der von der Helligkeit her passen könnte. So what, was ist da los, schummelt sich da ein "Nicht Stern" in meine Beobachtung? Lustig wird's, wenn man in Cartes du Ciel das RealSky Bild lädt, und dann die Nebelkataloge NGC, SAC und PNG aktiviert: da kriegt man drei grüne Kringel als NGC6852 vorgeworfen, und nur die PNG Angabe trifft halbwegs den Nebel auf dem RealSky Bild, die anderen sind um Eckhäuser daneben. Von der Beobachtung her würde ich die Nebelposition des RealSky Bildes als definitiv richtig bezeichnen würde - wie denn auch nicht... Auch Guide liegt mit der verzeichneten Nebelposition daneben. Und ja, die Sache mit dem Stern konnte ich auf diesem Weg auch nicht klären. Walter spechtelte bei diesem Objekt erstmals mit, und so schwer war es nicht, dieses Nebelchen zu erhaschen.

Cartes du Ciel mit dem RealSky Bild und Nebelpositionen aus 3 Katalogen: Links SAC, Mitte PNG - diese trifft noch am ehesten, rechts und am weitesten daneben NGC... Der fleckige Hintergrund kommt von der starken Komprimierung der DSS Daten - damit muss man halt leben, wenn man den "real sky" auf 18 CDs haben will...

Mein nächstes Objekt war Abell 78, den ich schon am 10. September beobachtet hatte. Das Objekt liegt ja, wie ich herausgefunden habe, ziemlich exakt mittig zwischen einem 7 mag und einem 8 mag Stern. Ich wollte es dieses mal mit UHC Filter versuchen. Zur Erinnerung kurz die Daten: Helligkeit 13.4 mag, Durchmesser 101". Ich ging wie letztens mit 87x, aber nun mit UHC Filter drauf los: Und tatsächlich, es ging leichter. Insgesamt viermal konnte ich das Nebelfleckerl aufblitzen sehen. Walter klemmte sich auch an's Okular, und kam nach einiger Spechtelei ebenfalls zu dem Schluss, da sei etwas Nebeliges. Er beschrieb es aber etwas näher zum helleren Stern, was mich stutzig machte. Ich hatte "mein" Nebelfleckerl mehr in der Mitte zwischen den beiden Sternen gesehen. Bei der Recherche legte ich ein RealSky Bild über die Karte von Cartes du Ciel. Da passt die verzeichnete Position wenigstens relativ exakt, und das was Walter beschrieben hat, könnte ein Cluster von schwächeren Sternen sein, die ihn "gelinkt" haben. Mir war es sowieso etwas verdächtig, weil ich brauchte zur Sichtung immer eine minutenlange (wirklich lange) Dunkeladaption am Okular, und Walter war ein bissl schnell damit fertig. Von "leicht sichtbar" hab ich ja schließlich nix gesagt, und ich war jetzt schon mehrmals an diesem Ding dran... Übrigens, bei meinem allerersten Versuch im August schrieb ich ja, dass mich etwa in der Mitte zwischen den beiden Sternen etwas "kitzelte". Nun, was war das wohl? Ich würd' drauf wetten, der Sternchencluster, dem Walter letztlich aufgesessen sein dürfte, weil so schnell mit ein bissl "Hinspechteln" geht Abell 78 wirklich nicht.

Cartes du Ciel mit dem RealSky Bild: Die SAC Position und PNG Position sind hier nahezu gleich, und die PNG Position trifft exakt, weshalb ich nur diesen Katalog für den Screenshot aktiviert habe.

Das nächste Objekt erforderte eine peinlich genaue Suche, die Sichtbarkeit war weniger schwierig: Hu 1-2 (PK86-8.1) - Helligkeit 12 mag, Durchmesser 5". Einen ersten Versuch, das Objekt zu identifizieren, hatte ich ja schon am 10. September unternommen, musste aber aufgeben, weil ich mich in dem Sternengewurl nicht mehr zurechtfand. Dieses mal war ich etwas besser vorbereitet, und ging die Sache etwas anders an, von einer Stelle aus, die bessere Orientierung erlaubt. Demgemäss hatte ich den Nebel als ein "Eck" eines unregelmäßigen Sternvierecks anvisiert. Das eine, besagte Eck zeigte ohne Filter bei niedriger Vergrößerung ein Sterndl, aber schwächer als die anderen Ecksterne. Mit OIII Filter waren auf einmal alle Sterne des Vierecks etwa gleich hell - aha, das ist er, spricht auf Nebelfilter an. Dann steigerte ich die Vergrößerung bis auf 217x mit OIII Filter. Beim direkten Hinschaun hatte ich eher den Eindruck etwas Stellares zu sehen, indirekt kam ein kleines Nebelfleckerl, das sich doch deutlich von etwa gleich hellen Sternen im Durchmesser unterschied. Walter meinte, ist eh deutlich und leicht. Wie fast schon gewohnt, gibt es auch da differierende Positionsangaben, wenn man die Sache recherchiert. Knapp daneben ist halt auch daneben. Wenn Objekte offensichtlich sind und leicht gesehen werden können, kümmert sich wohl kaum wer darum, ob die Position richtig dargestellt ist. Nur, wer auf penible Suche angewiesen ist, braucht eine exakte Positionsangabe. Für mich war diese Exkursion mit diversen Katalogen und den RealSky Bildern einigermaßen ernüchternd und lehrreich...

Cartes du Ciel mit dem RealSky Bild. Die PNG Position passt fast exakt, die SAC Position (nicht gezeigt) liegt knapp rechts daneben.

Damit war mein "Plansoll" erfüllt, jetzt durfte ich ein paar Objekte nach Belieben spechteln. Ich beschloss, ein bissl Training für den nächsten Messier-Marathon zu betreiben. Es ist ja schon ellenlang her, dass ich die südlicheren Objekte einmal beobachtet habe. Meist drückt man sich ja davor, weil da unten in der aufgehellten trüben "Suppe" herumzusuchen ist kein Spaß, und dann sieht man ja auch fast nichts von den Objekten. Egal, ich schwenkte das Teleskop einmal zum Horizont, was sofort Walters Argwohn hervorrief. Was ich denn da schon wieder tue, meinte er, ich solle doch "etwas Schönes" einstellen. Aber bitte, mit meinem Fernrohr darf ich doch hingucken, wo ich will :-)

Demnach versuchte ich gleich einmal den M55 zu angeln, allein der war schon zu tief im Horizontdunst oder gar schon untergegangen. M55 ist ja in unseren Breiten bei einem Messier-Marathon das schwierigste Objekt am Morgenhimmel. Bis der wenigstens den ärgsten Horizontdunst überwunden hat, ist die Dämmerung schon weit fortgeschritten.

Mit M55 war's also nichts mehr, daher ein bissl weiter hinauf, zu M75. Da hab ich mir eine kleine "Eselsbrücke" gemacht, wie ich den finden könnte. In der Morgendämmerung bei einem Messier-Marathon sucht man ja letztlich auch unter widrigen Bedingungen am Horizont herum... M75 war nur ein kleiner Knödel im Okular, bei 217x erschien er andeutungsweise ein bissl grießlig, und ja, das Seeing war so tief am Horizont auch nicht gut, man hatte Mühe, den Fokus zu finden. Walter war natürlich nicht damit zufrieden, dass dies ein Kugelhaufen sein soll :-)

Weiter ging es mit M30 - das ist aber jenes Objekt, das bei einem Messier-Marathon in unseren Breiten  auf keinen Fall zu schaffen ist. Egal. Ich stellte das Ding ein, und siehe da, dieser Kugelhaufen ist relativ leicht aufzulösen. Die Form erschien etwa dreieckig, und bei 217x war der Kugelhaufen teilweise aufgelöst. Also das wollte Walter grad noch durchgehen lassen :-) Aber er gab zu, diese Objekte eigentlich eh noch nie beobachtet zu haben. Warum, ist wohl einfach zu erraten - die Gründe habe ich ja zwei Absätze weiter oben erläutert.

Die nächsten zwei Objekte "genoss" ich still für mich, weil Walter mit meiner Auswahl sowieso nicht recht einverstanden war. Es waren M72 und M73. Ich versuchte aber gar nicht, M72 aufzulösen, weil ich von meinem 18" Dob her weiß, dass dies gar nicht so leicht ist. Und als "Betthupferl" nahm ich dann NGC7009, den Saturnnebel. Bei 217x war ein elliptisches, deutlich grünliches Objekt zu sehen. Höher wollte ich nicht mehr vergrößern, ich war schon reichlich müde, und speziell bei der Suche und Beobachtung von Hu 2-1 hatte mir der Nordwind so ungut in's Beobachtungsauge geblasen, was jetzt noch Nachwirkungen durch leichtes "Feuchteln" zeigte. Ich holte Walter zum Okular, und ließ ihn raten, was das sei. Er hat es aber auf Anhieb erkannt.

Damit hatte ich genug für diese Nacht, es war mittlerweile schon 1:15 MESZ geworden, packte zusammen, und trat den Heimweg an. Walter blieb noch ein bissl draußen, er hatte noch ein paar Belichtungen zu absolvieren.

#owdii


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